Montag, 21. Februar 2011

Gaelic Football

Gaelic Football in Irland

Götter des Gemetzels

Von Peter Linden
Wer Irland verstehen will, muss mindestens einmal ins Stadion: zum Gaelic Football, einer der brutalsten Team-Sportarten der Welt. Das knochenbrecherische Spektakel ist weit mehr als nur ein Spiel - es ist die eigentliche Staatsreligion des Landes.
Sie halten ihre gelben Programmhefte in Händen wie Gebetbücher. Sie bewegen sich auf das Stadion zu wie Pilger, behutsam Schritt für Schritt, andächtig schweigend. Tausende pilgern an diesem Sonntag die Hügel von Cork empor. Am Ende einer schmalen, löchrigen Teerstraße mit schlichten Häuschen säumen morsche Tribünen und bröckelnde Mauern ein gewaltiges Quadrat irischen Rasens. Das verwitterte Holz der Sitzbänke duftet mit dem feuchten, in der Sonne dampfenden Boden um die Wette. Und die Pilger mit ihren gelben Gebetbüchern saugen den Duft ein wie ein paar Stunden zuvor den Weihrauch in der katholischen Kirche. Gleich wird eine Partie Gaelic Football angepfiffen. Ein wichtiges Spiel, sagt die Lokalzeitung. Aber für Cork sind alle Spiele wichtig, denn der Sport ist hier Religion.

Gaelic Football, das ist eine Art Rugby, nur rauer, irischer. Fast nie zerstört der Schiedsrichter den Spielfluss. Fast nie wälzt sich ein Spieler am Boden. Eher versucht er, auch noch mit gebrochenen Knochen oder gerissenen Sehnen weiterzulaufen und den Punkt oder das Tor zu machen. Erst dann gibt er auf. Der Pairc Ui Rinn auf dem Hügel über Cork ist fast voll. Es mögen 20.000 sein, die herauf gepilgert sind, auch Touristen sind darunter, wer Irland verstehen will, heißt es, muss sich mindestens eine Partie Gaelic Football ansehen. Früher kamen noch mehr Zuschauer in den Pairc Ui Rinn, so mancher Jugendliche geht heutzutage lieber ins Kino oder ins Café. Doch noch immer sind die Spiele der Gaelic Athletic Association (GAA) Straßenfeger. Das irische Fernsehen RTE erreicht mit ihnen Spitzenwerte. Wenn im September die Endspiele stattfinden, sitzen 80.000 im Dubliner Croke Park, und die übrigen vier, fünf Millionen Iren sitzen in den Pubs vor großen Bildschirmen.
Geschichtslektion im Programmheft
Während die Spieler sich auf dem dampfenden Rasen aufwärmen, lesen die Pilger auf den Tribünen ihre gelben Gebetbücher. Sie studieren die Mannschaftsaufstellungen und die melancholischen Rückblicke auf große Momente: alte Pressetexte, authentisch vergilbte Fotos in Schwarzweiß. Zum Beispiel aus dem Jahr 1952, Halbfinale: 42.582 im Croke Park. Corks legendärer Kapitän Eamonn Young hatte sich verletzt, das konnte nur schiefgehen.
Dafür ging es 1945 gut: Endspiel gegen Cavan. 67.329 Zuschauer sahen ein sensationelles 11:7. Corks erster von acht Gaelic-Football-Titeln. Ein paar unter den Pilgern können sich erinnern und bekommen glänzende Augen. Dann die irische Hymne. Alle stehen auf und blicken zum Himmel, wo der irische Banner weht. Manche flüstern den Text zum krächzigen Playback aus den Lautsprechern, manche hauchen ihn, viele bewegen bloß die Lippen, wie im Gebet: Amhrán na bhFiann! Amen.

Die 30 Spieler in Rot-weiß und Blau-weiß laufen auf das Spielfeld. Etwas Bewegung auf den Rängen, aber kaum Beifall. Andacht, noch immer. Die Rot-Weißen schnappen sich gleich den Ball. Gaelic-Football-Spieler dürfen den Fußball mit Händen greifen, aber alle drei Schritte müssen sie ihn auftippen lassen und kicken. Das Spiel ähnelt einer Mischung aus Hand- und Fußball. Plus einer großen Portion Rugby. Dicht behaarte und dreckverkrustete Beine zerpflügen den Rasen, mächtige Arme grapschen nach dem Gegenspieler, breite Schultern rammen Bäuche. Corks Nummer zehn schlägt Haken, dreht sich mit dem Rücken in ungestüme Angreifer, läuft weiter. 50 Meter ist er unterwegs, die Pilger murmeln erwartungsfroh, dann endlich: tipp und kick. Der Ball fliegt 20 Meter hoch durch die Stangen, die ein normales Fußballtor nach oben verlängern. Cork führt 1:0. Kein Stress für Polizisten
Der Ball landet beinahe auf dem Dach des Wagens der Garda, der irischen Polizei. Eine einzige Streife genügt selbst bei wichtigen Spielen, und die kommt nur zum Zusehen. Früher, zu Kolonialzeiten, war das anders. Da mussten sich die irischen Fans hüten vor den britischen Beamten. Wenn die Polizei zu Spielen der GAA kam, dann, um Widerstand zu brechen. Gaelic Football war immer auch eine Demonstration der Iren für Unabhängigkeit und für eine Wiedervereinigung der 32 Grafschaften. Am 21. November 1920 ermordete die IRA in Dublin 14 vermeintliche Geheimdienstleute. Aus Rache stürmten britische Soldaten den Croke Park während eines Endspiels und erschossen zwölf Zuschauer und den Kapitän der Mannschaft aus Tipperary. Jedes Kind in Irland weiß von diesem Tag. Lieder beklagen die Toten. Der 21. November 1920 ist der "Bloody Sunday".
"Come on", murmeln einige der Pilger, und Cork kommt. 2:0, 3:0. Würde ein Spieler den Ball direkt ins Fußballtor knallen und nicht hoch über die Latte, es gäbe sogar drei Punkte. Aber das ist zu riskant. Die ganz in Weiß gekleideten Torhüter kriegen fast jeden Ball, der auf Parterre kommt. Plötzlich: eine Boxeinlage. Der Torrichter meldet den Vorfall mit seiner weißen Fahne beim Schiedsrichter. Der Initiator muss vom Platz, zwei Wochen Sperre. Der andere darf weiterspielen und trägt sein zerrissenes Hemd wie einen Orden. Auch zur zweiten Halbzeit wird er das zerrissene Hemd nicht wechseln. Sollen sie seine Brust ruhig sehen, die Kritiker, die über zunehmende Härte im Gaelic Football klagen. In den Köpfen der Journalisten reift die Schlagzeile für den nächsten Tag: "Gaelic Football in der Krise".
Krisen gab es zahlreich in der Geschichte der 1884 gegründeten GAA. Vor dem "Bloody Sunday", weil immer Streit herrschte, wie sehr die Sportler zugleich Kämpfer für die Unabhängigkeit Irlands sein sollten. Und danach, weil die Hardliner ihren Sport immer auch als Demonstration für die Wiedervereinigung mit Nordirland begriffen. Lange galt: Wer beim Fußball nach englischen Regeln erwischt wird, fliegt aus der GAA. Noch immer gilt: entweder irisch oder britisch. In den sechs Grafschaften Nordirlands nehmen die GAA-Clubs keine Angehörigen der britischen Armee auf.
Nur 30 Minuten dauert eine Halbzeit, aber Gaelic Football ist anstrengender als Fußball. Kein Abseits, nur Manndeckung. 14 Pärchen in Blau-weiß und Rot-weiß, die immerzu auf und ab flitzen. Keine Tändeleien, kein Ballgeschiebe, immer nur drauf. 2500 Klubs und 150.000 Mannschaften gibt es, behauptet die GAA. Eine unheimliche Zahl für ein Volk von fünf Millionen.
Zur Halbzeit steht es 8:4 für die Heimmannschaft. Cork, das zwischen 1990 und 2010 vier Endspiele verlor und 20 Jahre lang auf einen Titel warten musste, wäre bei einem Sieg an der Tabellenspitze.
Plötzlich reißt Corks Nummer elf den Ball an sich. Nummer elf: gut 40 Jahre alt, struppiges schwarzes Resthaar hinter hoher Stirn, speckige, gelbe Lederhandschuhe. Außer ihm trägt nur noch ein Spieler Handschuhe. Die Ältesten dürfen kleine Schwächen zeigen im harten Kampf. Nummer elf ist ein Konditionswunder. Noch nach 50 Minuten hat er Luft zum Alleingang. So ein Footballplatz ist 20 Meter länger als ein Fußballplatz. Egal. Nur vor dem Tor reicht seine Konzentration nicht mehr, er schießt links daneben.
Grashalme im Gesicht, Blut auf dem Schienbein
Solche Szenen wollten im 18. Jahrhundert sogar die englischen Landbesitzer sehen. Sie organisierten Gaelic-Football-Spiele auf weiten Feldern, um den irischen Landarbeitern Abwechslung und sich selbst Wettvergnügen zu verschaffen. In der "Dublin Flying Post" vom 16. Juni 1708 wurden Spieler gesucht, die für 30 Schilling, ein Fass Ale, etwas Tabak und je eine Pfeife zu einem Match antreten würden.
Und in der "Cork Evening Post" vom 4. September 1769 setzte ein reicher Mann 300 Guineas, ein kaltes Dinner und einen Ball als Preis für die Sieger einer Partie zwischen 21 verheirateten Männern und 21 Junggesellen aus. Erst mit dem Aufstand der "United Irishmen" im Jahr 1798 hatte das Treiben ein Ende. Die Landbesitzer entzogen dem Spiel der Revolutionäre ihre Gunst. Der beschwerliche Weg bis zur Gründung der GAA hatte begonnen.
Cork zieht davon. Am Ende steht es 12:9. Tabellenführer. Der Präsident geht in die Kabine und gratuliert. Die Spieler sehen wie echte Sieger aus: Grashalme im Gesicht, Blut auf dem Schienbein, breites Lächeln, stolze Augen. Alles echte Amateure, kein Geld, bloß Spesen. 130.000 Pfund müssen in Cork ein ganzes Jahr ausreichen. Für sämtliche Altersstufen. Niemand im Team von Cork, den das stören würde. Die Chance auf das Finale des All Ireland Senior Football Championship wächst. Der Croke Park rückt näher. Das 80.000-Zuschauer-Stadion, in dessen Erweiterung sie zuletzt 110 Millionen Pfund gesteckt haben. Der Tempel der GAA-Gemeinde. Das Heiligtum, das zu nutzen Fußballern erstmals 2007 erlaubt wurde, auf öffentlichen Druck hin, weil deren Nationalstadion komplett umgebaut wurde.
Den Verlierern ist das nach der Niederlage in Cork reichlich egal. Sie schleichen davon mit Schürfwunden und dreckverkrusteten Beinen. Kein Gedanke mehr an den Croke Park. Kein Gedanke an Ruhm. Morgen früh müssen die meisten wieder auf die Felder.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Ich will den Frühling

Das farmer-leben ist gefährlich. warum? ich bin gekickt worden, also von einer kuh ins gesicht getreten worden. dilcy, eine unserer milchkühe, hat mich vor fast zwei wochen mit einem satten tritt an der stirn getroffen und mich rückwärts auf den boden des kuhstalls befördert. war nicht unbedingt die beste erfahrung, der kopf hat ordentlich weh getan, aber sehen wirs positiv, ich hatte eine woche urlaub und hab alle meine mahlzeiten gemütlich im bett verbringen dürfen. ich hab mich verwöhnen lassen.
das ganze uncoole an der aktion war dann aber doch nordirland. das nächste krankenhaus ist von unserer community ungefähr 45 minuten weg, also hat man mich nach omagh in ein emergency-center gefahren. in diesem center, wird mn an einer rezeption begrüßt, an der eine krankenschwester einen blauen bogen hervorholt und sämtliche daten über name, geburtsdatum, usw einholt, bevor sie überhaupt darauf zu sprechen kommt, was mir denn fehlt. ich hab ihr dann erklärt was passiert ist. sie blättert ihren blauen bogen um und füllt eine ganze seite mit daten zum unfallhergang, medikamentöse allergien und allerlei anderen fragen aus. alles selbstverständlich handschriftlich. nach guten 10-15 min waren wir dann mit dem ausfüllen des bogen fertig und ich habe mich nicht in das wartezimmer setzen dürfen, sondern bin großzügigerweise gleich in ein behandlungszimmer gebracht worden. es hat sich herausgestellt, dass es im grunde nichts anderes als ein wartezimmer war, da man mir innerhalb einer stunde den blutdruck gemessen hat, den kopf abgetastet hat und schließlich, nachdem sich meine lieben krankenschwestern im zimmer gegenüber in einer mikrowelle ihr abendessen warmgemacht haben und dieses auch gleich genüsslich in sich reingeschoben haben, wurde ich mit einem flyer verabschiedet, der mir erklärt hat, wie ich mich bei kopfverletzungen verhalten soll. ich wurde in dieser stunde in der ich in dem zimmer gesessen bin von keinem arzt untersucht.
inzwischen muss ich darüber lachen und weiß jetzt, dass ich mich in den letzten monaten hier in nordirland nicht noch einmal verletzen sollte.
inzwischen geht es mir wieder richtig gut. bin wieder am arbeiten und genieße die tatsache, dass langsam aber sicher die natur sich auf frühling einstellt. heute bin ich endlich wieder mit kurzer hose zum mittagessen ins columba-haus marschiert.

 http://www.youtube.com/watch?v=IZ8W2MsVxaY


ich hab ein video gefunden, dass von co-workern gefilmt wurde, die in der community vor einigen jahren gelebt haben. sie kommen aus tschechien, also bitte wegen dem untertitel sich nicht zu wundern.
in dem video geht es um einen unserer residents. dessie love ist ein enten-liebhaber, der sich immernoch um seine inzwischen 8 enten kümmert. ich mag ihn unglaublich gerne. er ist ein waschechter nordire, der um kein blödes kommentar verlegen is. "always good crac with him" würde es hier in nordirland heißen.
damit ihr ein paar orte in dem video erkennt:
- sobald man dessie mit seinem einkaufswagen spazieren sieht, läuft er gerade am columba-haus vorbei,also    das haus indem ich esse und arbeite.
- sobald man sieht, wie ein villager bei der reitstunde gefilmt wird, sieht man im hintergrund ein gelbes kleines haus. das is die porter-cabin, also der container indem ich mein zimmer habe.
- die zwei männer, die singen, sind residents aus meinem haus, die ich in meiner täglichen arbeit betreue


es geht mir hier richtig gut, im moment freue ich mich einfach unglaublich auf den besuch meiner geschwister ende februar und darauf ein paar tolle menschen anfang märz in london zu treffen. auch wenn ich hier jeden tag arbeite, gehen natürlich  die planungen weiter. im herbst soll studiert werden, die auswahl ist auch getroffen, im grunde muss ich nur noch ein email-schreiben und mich bewerben :)
freut euch auf den frühling, ich darf die jahreszeiten hier einen monat früher begrüßen.
und vergessts nicht immer mal wieder ein kühles bier auf mich mitzutrinken ;)

Samstag, 5. Februar 2011

Spiegel-Artikel

Von Ralf Sotscheck
Bürgerkrieg war gestern in Belfast. Die raue Metropole im Norden erlebt gerade eine rasante Entwicklung in die Moderne. Egal ob in Nachtleben und Kultur: Die Stadt hat die Lebensfreude wieder entdeckt, für die sie einst so berühmt war.   


Der Pub ist voll, aber niemand spricht. Die Gäste lauschen andächtig den drei Männern mit ihren Dudelsäcken auf der improvisierten Bühne neben dem Eingang. Jeder Ton sitzt, die drei müssen seit langem zusammenspielen. Es soll 21 Jahre dauern, bis man das Instrument beherrscht. Als die Musiker eine Pause machen, strömen die Zuhörer an die dunkle Holztheke, um für Nachschub zu sorgen. Kaum setzen die Dudelsäcke wieder ein, verstummen die Gespräche. Das Geld für die Getränke ist gut angelegt, denn jeder Penny Profit geht an das benachbarte Zentrum für Arbeitslose, das sich mit dem Pub finanziert.
Weil der 1987 verstorbene Dichter John Hewitt am Maifeiertag 1983 das Zentrum eröffnete, benannte man das Wirtshaus in der Donegall Street nach ihm. Seine Bücher und die Werke anderer Schriftsteller stehen auf Regalen im Nachbarzimmer, an der Wand hängen Fotos von berühmten Gästen: Irving Welsh, Linton Kwesi Johnson und Will Self. Als die Musiker ihre Dudelsäcke nach zwei Stunden einpacken, will man sie gar nicht gehen lassen. Aber sie müssen weiter in den nächsten Pub zur nächsten Session. Es gibt nämlich viel zu tun in Belfast.
Vom Friedensprozess beflügelt, erlebt die Stadt einen gewaltigen Aufschwung. Alt und Neu liegen in der nordirischen Hauptstadt dicht beieinander. Die beiden Kruppkräne "Samson" und "Goliath" am östlichen Rand des Hafens symbolisieren beides: die stark geschrumpfte Schiffbauindustrie in der einst größten Werft der Welt und das "Titanic Quarter", das an ihrer Stelle entsteht - ein Hightech- Park, der aber auch Raum gibt für Wohnen und Freizeit. Neben den neuen Shopping-Palästen in der Innenstadt stehen - jedes selbst ein Palast - das neobarocke Rathaus, das sich die Stadt 1906 aus den Gewinnen der Gaswerke leistete, und das orientalisch anmutende Opernhaus von 1895, in dem Luciano Pavarotti vor fast 50 Jahren seinen ersten Auftritt auf den Britischen Inseln feierte. Die ehrwürdige Queen's University, ihr Stammhaus ist ein Palast von 1849 im Neo-Tudorstil, veranstaltet jährlich im Herbst ein Musik- und Theaterfestival, das aus bescheidenen Anfängen zu einem zwei Wochen währenden Großereignis gewachsen ist. In der Queen's University studierten die irische Präsidentin Mary McAleese, der Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney und der Schauspieler Stephen Rea. Letzterer sagte über seine Heimatstadt: "Belfast ist wie ein hässliches Kind - man liebt es mehr als die anderen." Dabei ist Belfast keineswegs hässlich. "Das kleine Belfast kann eine so schöne Stadt sein", meint der Schriftsteller Robert McLiam Wilson. "Sooft man in Belfast den Blick bis ans Ende einer Straße schweifen lässt, bleibt er an irgendeinem Berg oder Hügel hängen." Oder an einem Pub.

2. Teil: "Einzelsäuferkojen" im berühmtesten Wirtshaus
Das berühmteste Wirtshaus Belfasts, wenn nicht gar Irlands, der "Crown Bar Liquor Saloon", liegt in der Great Victoria Street gegenüber vom "Europa Hotel", das mehr Bombenanschläge über sich ergehen lassen musste als wohl irgendein anderes Gebäude der Welt: 33 Explosionen erschütterten das Hotel im Laufe des Nordirland-Konflikts, aber es steht immer noch. In der "Crown Bar" gibt es noch die Buntglasscheiben mit aufgemalten Muscheln, Feen und Clowns, ebenso die kleinen Metallplatten an den Wänden, an denen man Streichhölzer entzünden konnte, als man in den Pubs noch rauchen durfte. Auch die zehn snugs sind erhalten. Heinrich Böll nannte sie "Einzelsäuferkojen", hier kippten sich Frauen und Priester unbeobachtet einen hinter die Binde.
Zwar mag die "Crown Bar" der berühmteste Pub sein, doch "White's Tavern" in der Winecellar Entry ist älter - viel älter. Noch ist nichts los, ein paar Gäste sitzen am Torffeuer und nehmen ihren Lunch. Erst nach Geschäftsschluss füllt sich der Pub, und freitags und sonntags, wenn Musiker zur traditionellen Session zusammenkommen, wird es eng. Im "White's" werden seit 1630 Getränke ausgeschenkt. Viel hat sich seitdem nicht verändert. Die aus Ziegeln gemauerten Wände sind geweißelt, die Decke ist niedrig und wird von dicken Holzbalken gestützt, es wirkt alles etwas windschief. Der bekannteste Gast war Henry Joy McCracken, Baumwollfabrikant und Freiheitskämpfer, der im "White's" sein letztes Bier trank, bevor er für seine Teilnahme am Aufstand von 1798 hingerichtet wurde.
Die Winecellar Entry ist eine jener schmalen Gassen in der Innenstadt, die früher den Geschäften der wohlhabenden Kaufleute vorbehalten waren. Sie sind leicht zu übersehen, aber sie beherbergen so manch altes Wirtshaus, kleine Restaurants und winzige Geschäfte. Die meisten "Entries" verbinden High Street mit Ann Street, wie auch Joy's Entry, wo Henry Joy McCrackens Großvater Francis ab 1737 den Belfast News Letter herausgab, eine der ältesten bis heute erscheinenden Zeitungen der Welt.
Unter der High Street fließt der Farset. Der kleine Fluss gab Belfast den Namen: Béal Feirste, die Mündung des Farset. Im 19. Jahrhundert hat man ihn zugedeckt, um Platz zu schaffen für die expandierende Stadt. Seit dem Friedensprozess wird wieder kräftig gebaut, vor allem im Cathedral Quarter nördlich der High Street, dem früher ärmsten Wohnviertel der Stadt. Im Zuge der Industrialisierung wurden die Wohnhäuser abgerissen und durch Lagerhallen ersetzt. Von dieser Zeit zeugen die Eisenpoller, die die Häuserecken vor Beschädigung durch Pferdekarren schützen sollten.
Mit dem Niedergang der Leinen- und Schiffbauindustrie verfiel das Viertel. Fast unbemerkt ist Cathedral Quarter in den letzten Jahren auferstanden. Weil die Mieten billig waren, haben sich alternative Kulturbetriebe angesiedelt wie das "O Yeah Music Centre", wo man alles über Nordirlands Rock- und Punkszene erfährt, oder die "Black Box" in der Hill Street, auf deren Bühne Rockkonzerte, aber auch Dichterlesungen stattfinden. Das alte Viertel strahlt jugendlichen Charme aus. 45 Prozent der Belfaster sind unter 30 Jahre alt. Der Grundstein für St Anne's Cathedral, die dem Viertel den Namen gab, ist 1899 gelegt worden, aber fast ein Jahrhundert hat man immer weiter an ihr herumgebaut. Gegenüber der Kathedrale, auf dem Writers' Square, sind Steinplatten mit Zitaten nordirischer Dichter in den Boden gelassen.
Seit Beginn des Friedensprozesses wird ein weiterer Dichter immer wieder zitiert. Seamus Heaney schrieb von einer Zeit, in der "hope and history rhyme", Hoffnung und Geschichte keine Gegensätze mehr sind. Aber die Spuren des Konflikts sind noch sichtbar. Nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt grenzen katholische und protestantische Viertel aneinander, getrennt durch eine hohe Mauer. Die mehrere Kilometer lange "Friedenslinie" gehört inzwischen zu den Besucherattraktionen. Künstler aus aller Welt haben Gemälde auf der Mauer und auf zahlreichen Giebelwänden in der Nachbarschaft hinterlassen. "Das ist Belfasts Antwort auf Mona Lisa", meint der ehemalige militante Kämpfer Lawrence Robinson. "Wozu also nach Paris fahren?"